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Vor der Abreise
Die Einsamkeit des Regisseurs
Auf meinem Balkon.
Die Maisonne scheint mir auf den Bauch, welcher nach Monaten der Dunkelhaft in einem Gefängnis aus Textilwänden, endlich wieder freie Sicht hat.
Vorbei an diesem Balkon führt eine ruhige Nebenstraße, auf der sich minutenlang abgesehen von Bakterien und diversen Einzellern keine lebendige Wesen anwesend sind. Doch alle paar Minuten oder manchmal im Sekundentakt passieren meinen Balkon, diesen Hochsitz zwischen Öffentlichkeit und Privatleben Radfahrer, Skater, alte Frauen samt 4-beinigem Mensch-Ersatz oder ein Gruppe von Zeitinflation geplagten Studenten.
Auf meinem Balkon bin ich der unbeteiligte Beobachter. Ganz wie die Hauptfigur in Alfred Hitcocks „Rear Window“ (das Fenster zum Hof). Es ist fast wie Fernsehen in den alten Zeiten. Es gibt nur ein Programm. Jedoch umschließt dieses eine Programm alles Aspekte des Lebens, denn es ist das Leben.
Der Regisseur dieses einen Fernsehsenders: Ich selbst.
Mein Blick, gleichbedeutend mit dem Schnitt in einem Film, steuert die Aufmerksamkeit von einem Detail zum Anderen und erzählt so im Laufe der Zeit eine Geschichte.
Die Geschichte meines Lebens.
Filme sind nie objektiv. Beim Erzählen einer Geschichte werden bestimmte Aspekte mehr betont, bestimmte Personen vielseitiger beschrieben oder andere Charakter laufen überhaupt nur durch den Hintergrund der Haupthandlung. Ein Film erzählt eine Geschichte, als eine von unendlich Vielen. Auch mein eigenes Leben ist eine Variante von unendlichen Möglichkeiten. Der Film meines Lebens, dauert die durchschnittliche Lebenserwartung eines Mitteleuropäers berücksichtigend, rund 75 Jahre. Dieser Film spielt Live, kein Fehltritt wird rausgeschnitten, alles kompromisslos ausgesendet. Jedoch gibt es nur einen Zuschauer, der immer dabei ist, jede noch so unwichtige Szene verfolgt.
Der Regisseur selbst.
Die Anderen verfolgen nur Ausschnitte des Films meines Lebens. Wie sollen sie den Zusammenhang verstehen? Wie sollen sie wissen, um was es in meinem Film geht, wenn sie die meisten Szenen verpassen? Ein Gedanke um 1h morgens, flüchtig und irreal, irgendwo zwischen Bewusstsein und dem was darunter liegt gedacht. Ein Gedankenspiel über den Begriff Insel – auf dem edlen WC der Klagenfurter Uni: Wie definiert man eigentlich eine Insel? Jamaika ist eine Insel? Australien nicht? Eigentlich ist doch alles Land auch irgendwie eine Insel, einige eben größer, andere kleiner). Wichtige oder unwichtige Gedanken und Szenen. Ich bin der einzige der immer dabei ist. Fast immer, denn Gott sei Dank (wahrscheinlich geht der Dank eh ins Leere, denn irgendwie hab ich da so meine Zweifel) gibt es da ja ein Getränk namens Murauer, das es einem ermöglicht auf der Evolutionstiege binnen weniger Stunden einige Stufen hinabzusteigen und mal eben nicht bewusst mit dabei zu sein.
Warum zum Teufel soll ich mir von irgendeinem Schlaumüller altklug erklären lassen, was ich in meinem Leben zu tun habe, wonach ich streben soll und was ich links liegen lassen soll? Ich bin doch der Einzige, der den Überblick hat – was beim nächsten Gedankensprung schon wieder lächerlich wird, denn im Grunde habe ich doch keine Ahnung an welchem „Kunstwerk“ oder was auf der Baustelle „Thomas Borstner“ da in wenigen Jahren fieberhaft werkend errichtet werden soll.
Ich, der einsame Regisseur.
Jedoch habe ich einen Vorteil gegenüber meinen bezahlten Kollegen in der Filmbranche. Ich habe mich an kein Drehbuch zu halten. Naja, auf jeden Fall bilde ich mir das ein. Schreiben nicht Schule, Vorgesetzte, Eltern, Politiker und andere Möchtegern-Autoritäten einen Rahmen vor, im welchen Stil das Drehbuch meines Lebens geschrieben sein soll. Sind nicht fixe Elemente wie Heirat, Kinder, älter werden, Geld verdienen, ein Auto kaufen, sich rasieren, sich anziehen (im Winter versteh ich’s ja noch) vorgeschriebene Fixpunkte in meinem Drehbuch? Wird es nicht von den Mächtigen zensiert und meine Gedanken, Wünsche und Sehnsüchte von falschen Propheten geleitet?
Nein!
Mit Mut und Vertrauen in das göttliche und perfekte in meinem einzigartigem Ich will ich versuchen mein eigenes Drehbuch zu schreiben und versuchen über meine Sozialisation hinwegzusehen. Mit jedem Schritt den ich mache, mit jedem Satz den ich sage, mit jeder Entscheidung die ich treffe, schreibe ich einen neuen Satz in das Drehbuch meines Lebens. Ich bin, solange meine Augen noch sehen und meine Ohren noch riechen, nicht dazu verpflichtet eine zusammenhängende und schon milliardenfach da gewesene Geschichte zu erzählen. Gestern Fußballer, heute Student, morgen Fotograf, Werbetexter, Schriftsteller, Entwicklungshelfer, Kriegsreporter oder einfach nur als Mensch ohne irgendeinen Nutzen für die Gesellschaft. In dieser Sekunde schüchtern und zurückhaltend, in der nächsten frech und bestimmend. Ich will mich nicht festlegen mich auf eine Variante meines Ichs versteifen und den Rest der Möglichkeiten auslassen.
Vielleicht habe ich aber auch ganz einfach keine andere Wahl.
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Heute das morgen fühlenl
Es füllt meine granze Brust aus und wenn ich einatme, ist es als ob es heiß wie ein Lavastrom in meinen Kopf steigt. Abenteuerlust, die Herausforderung, die Welt und mein Schicksal rufen. Ich bin der Spur auf den Fersen, die zu meinem Bestimmung führt. Ich bin bereit - habe Blut geleckt und möcht mehr davon. Die Unsicherheit ist verflogen, es regiert der Größenwahn. Ich werde ruhig und gelassen meinem Ziel entgegentreiben. Ein Auge geschlossen, um in mein inneres zu hören. Das andere geöffnet und die Chancen zu erkennen, die sich mir am Rande meines Weges eröffnen werden.
Die Stimmen meiner Freunde, die Kleine Zeitung in meiner Hand, die Zeit im Bild um 19h30, der heute noch wichtige Terminkalender. Alles riecht nach Abschied und nur temporärer Wichtigkeit.
Jetzt noch hier, morgen schon weg. Es ist als wäre ich schon auf den Kanarischen Inseln und träumte dort in einer Schlafsack-Nacht unter einem hypnotisierenden, endlosen Sternenhimmel und begleitet vom sanften Rauschen des Meeres, ich dürfte noch ein paar Tage mit meinen Freunden und meiner Familie verbringen, bevor ich mich für 4 Monate (?) verabschiede.
Ich darf diesen Traum leben, er wurde Realität, da ich heute schon das morgen fühle.
"Heast as nit, wie die Zeit vergeht" klingt Hubert Goisern von meinem Winamp-Player. Ja Hubse, ich höre es - laut wie Tausend Glocken auf einem Kirchturm. Ich spüre es wie Feuer in meiner Brust. Ich werde sterben.
Meine Zeit wird vergehen, doch ich werde jede Sekunde davon nutzen und wenn ich doch keine Lust dazu haben, so ist es auch egal.
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Noch 12 Tage
Noch 12 Tage bis zu meinem Ablug Richtung Süden, genauer Las Palmas, Kanarische Inseln.
Es ist das zweite Mal, dass ich bad, old Austria den Rücken kehre. Nein, es ist nicht so schlecht hier. Die Berge, das Brot, frische Milch, du kannst gleichzeigtig in einem der hunderten kärntner Seen schwimmen und hast du durscht, nimmst du einfach einen Schnapper. Nicht zu vergessen die österreichische Fussballbundesliga, die im Gegensatz zur spanischen Primera División unfreiwillig unterhält. Ein Interview mit einem routinierten Torhüter: so muss wohl es wohl geklungen haben, als die Affen sprechen lernten. Ein beim Versuch ein Tor zu erzielender über die eigenen Füsse stolpernder Christian Mayrleb. Eine Flanke hinters Tor von Gregor Pötscher.
Österreich ist schön! Hier weiß man halt noch was man hat!
Ich hab jedoch wieder mal lust, vorher nicht zu wissen, was ich später haben werde. Also hab ich mich dazu entschlossen, am 14.Mai Richtung Gran Canaria zu starten.
2 Wochen Inselbesichtigung mit Leihauto (Lanzarote, Fuerteventura) folgen gute 3 Monate Praktikum in einer Werbeagentur im Zentrum Las Palmas...
Noch sitze ich hier in Klagenfurt, seit dem Jahr 2000 der Ort oder die Bühne, auf dem sich das Stück "Thomas Borstners Studium der Publizistik" abspielt. Das Stück ist beinahe fertiggeschrieben, jedoch erfährt es nach den plötzlichen 2 Erasmus Semestern in Spanien seine zweite, selbst für den Protagonisten selbst unerwartete, Wendung...
Praktikum, Las Palmas, Sonneninsel, in der Nähe von Marokko, Surfen, Strände, Vulkane, Dünenlandschaften,Arbeit in der Abteilung "producciones audiovisuales"...
Mal schaun, welche Realität sich hinter all diesen Schlagwörtern versteckt. Mal all die Eindrücke in Form von Bildern, gesprochenen Worten, erlebten Situationen durch meine 26 Jahre alten Gehirndwendungen schießen und schaun, was danach in Form von Erfahrungen, Erinnerungen und Erkenntnissen hängenbleibt...
Es ist, wie vor Antritt meiner 2 Auslandssemester in Spanien (www.spainspotting.at.tf), fast wieder wie eine Neugeburt. Ein neues Leben, neue Möglichkeiten, neue Menschen, ein neues Selbst, unabhängig von dem Erwartungen all der Menschen, die glauben mich zu kennen. Ich habe Lust auf viele Leben, viele Versionen von Thomas Borstner, ich möchte oft Bilanz ziehen, ob ich es gut gemacht habe, ob es sich ausgezahlt hat.
Noch 12 Tage bis zur Premiere. Der erste Akt, der Flug nach Las Palmas, gefolgt von einer chaotischen Wohnungs- und Mietautosuche wird bald aufgeführt. Ohne Probe und ohne Fangnetz. Doch gerade das macht es ja so spannend, nicht?
Nicht nur für mich sondern auch für jene, die den "kanarrischen" hier auf Schritt und Tritt verfolgen werden...
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